Nachhaltigkeit – RHEIN.MAIN.FAIR | IHK WirtschaftsForum 07|08.18

Nach dem Ruhrgebiet und Nürnberg soll FrankfurtRheinMain zur dritten fairen Metropolregion hierzulande werden. Willkommener Nebeneffekt: Unter dem Motto „Bio.Regional.Fair“ kann nach und nach ein neues Wir-Gefühl entstehen.

Mitglieder der  Steuerungsgruppe Rhein.Main.Fair

Die Metropolregion FrankfurtRheinMain spielt als die wirtschaftsstärkste und internationalste in der Liga der europäischen Metropolregionen mit. Sie umfasst einen Raum, der sich über weite Teile Hessens und Teile von Rheinland-Pfalz und Bayern erstreckt. Diese Region – vom Vogelsberg und Gießen über Aschaffenburg und Miltenberg in den Odenwald und von Fulda bis Mainz-Bingen und Alzey-Worms – ist deutlich mehr als „nur“ Frankfurt. Es ist eine Region mit vielfältigen Verflechtungen. Sie ist sehr heterogen und rühmt sich gerne ihrer polyzentrischen Struktur.

Was verbindet diese Region in ihrem Inneren – ist es Bier, Wein oder gar Äppelwoi? Ist es der SpundekÄs, der Handkäs oder der Miltenberger Käsetaler? Ist es die Großstadt oder das Dorf? Diese Fragen haben sich Vertreter von Kreisen, Städten und Gemeinden, Kirchen, Landesministerien, Eine-Welt-Läden, Aktive in der Eine-Welt-Arbeit und auch von Engagement Global, der gemeinnützigen Gesellschaft für bürgerschaftliches und kommunales Engagement des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, gestellt.

Vor fast drei Jahren hat sich ein Lenkungskreis Rhein.Main.Fair zusammengetan. Die Akteure haben sich zum Ziel gesetzt, die Metro- polregion FrankfurtRheinMain nach dem Ruhrgebiet und Nürnberg zur dritten deutschen fairen Metropolregion zu machen. Da dies ganz im Sinne des Regionalverbands FrankfurtRheinMain ist, unterstützt er die Arbeit in der Vernetzung und auch personell.

Schon heute leben fast drei Millionen Bürger in Kreisen, Städten und Gemeinden, die sich im Zuge der FairTradeTown-Kampagne auf den Weg gemacht haben, gemeinsam mit den Aktiven vor Ort – unter anderem aus Kirchen, Vereinen, Schulen –, das Thema Nachhaltigkeit nicht nur als reines Umweltthema zu sehen, sondern auch unter den wichtigen sozialen und global gerechten Kriterien in den Fokus zu nehmen.

In den Vernetzungstreffen, die der Lenkungskreis in der Region initiiert hatte, ist immer wieder deutlich geworden: Das Verbindende dieser Region ist gerade ihre Unterschiedlichkeit, ihre Vielfalt und ihre Internationalität. Aus Letzterer erwächst ganz sicher ihre wirtschaftliche Stärke, aber zugleich auch eine besondere gesellschaftliche Verantwortung.

Dabei müssen sich alle Bürger und Verantwortlichen bewusst machen, dass sie längst schon Teil einer Globalisierung sind, von deren ungerechten Wettbewerbsbedingungen sie unzweifelhaft kurzfristig als Absatzmärkte und Produktionsstätten profitieren. Wir alle müssen erkennen, dass gesamtgesellschaftlich die Kosten für eine solche Wirtschaft zunehmen.

Zuwanderungsdruck durch Menschen auf der Flucht und Klimawandel mit Wetterextremen sind nur einige wenige Schlagworte. Die immer aggressiver werdende Konkurrenz im Welthandelssystem, die Unfähigkeit, handelspolitische Konflikte in der WTO beizulegen, bis hin zu dem Irrglauben einiger, die Rettung in einer neuen Form des Protektionismus „Ich zuerst“ zu finden, ohne nach den globalen Konsequenzen zu fragen, verschärft die weltpolitische Situation. Die Weltgemeinschaft müsste dabei eher zusammenrücken, um den globalen Herausforderungen zu begegnen und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.

Diese Gegenbewegung gibt es – und sie wird stärker. Es sind Gruppen aus der Zivilgesellschaft, die sich für eine gerechtere Globalisierung einsetzen. Was einst belächelt wurde als Solidarität mit den Kaffeebauern in Lateinamerika, ist längst ein Markt geworden, der selbst in Discountern Einzug gefunden hat.

Die Vereinten Nationen und damit auch die sie vertretenden Staaten haben sich in der Agenda 2030 insgesamt 17 Ziele gegeben, um eine gemeinsame nachhaltige Entwicklung für unseren Planeten zu sichern. In diesem Zukunftsvertrag geht es um eine Entwicklung in ihren drei Dimensionen – Soziales, Umwelt und Wirtschaft. Staaten wie Zivilgesellschaft sind gefordert, an diesen Zielen zu arbeiten.

Im Gegensatz zu den Vorläufern der „Millenniums-Entwicklungsziele“ sind nicht nur Ziele für die Länder des globalen Südens formuliert, sondern der Arbeitsauftrag geht richtigerweise auch an die Industrienationen, die mit ihrer Art des Lebens und der Wirtschaft auf Kosten anderer leben und produzieren. Dabei kommen die Landkreise und Kommunen ins Spiel. Keine staatliche Ebene ist nämlich so dicht an den Menschen wie diese. In den Städten und Gemeinden sind die Auswirkungen – ob Flucht, Klimawandel, gesellschaftliche Veränderungen – am schnellsten zu erkennen.

Es muss einen Bewusstseinswandel geben, der entsprechende Ver- haltensänderungen nach sich zieht. Die Städte und Gemeinden haben Zugänge zu den Menschen, zu Institutionen und allen gesellschaftlichen Gruppen. Keine andere staatliche Ebene hat solche Möglichkeiten. Damit haben die Kommunen eine besondere Verantwortung in der Vermittlung dieser globalen Bildung.

Bund, Länder und Kommunen sind aber selbst Teil globaler Handels- ströme. Schätzungen gehen davon aus, dass die öffentliche Hand jedes Jahr für 350 Milliarden Euro einkauft. Dies reicht vom Kaffee für Sitzungen über Dienstkleidung bis hin zum Pflasterstein für den Marktplatz. Es gibt kaum ein Produkt, das nicht Teil einer globalen Wertschöpfungskette ist.

Damit hat die öffentliche Hand durch die Abfrage von Sozial- und Umweltstandards bei Ausschreibungen auch Einfluss auf die Produktion. Es ist nicht immer einfach, das immer komplizierter werdende Vergaberecht, das meist recht schnell zu europaweiten Ausschreibungen führt, und diese Anforderungen zusammenzubringen. Die Berücksichtigung von Sozial- und Umweltstandards ist aber sehr wohl möglich.

Dabei geht es nicht um die alleinige Bevorzugung von allein fairen Produkten. Es geht immer um den Dialog mit der örtlichen Wirtschaft. Gerade in den Bereichen der Landwirtschaft, der Produktion und des Einzelhandels hat sich die Wettbewerbssituation gegenüber Internet- Angeboten und der Geiz-ist-geil-Mentalität negativ ausgewirkt. Ver- ödung von Innenstädten, Ladensterben und Produktionsverlagerungen in sogenannte Billiglohnländer sind die Folge.

Rhein.Main.Fair hat sich das Motto Bio.Regional.Fair gegeben. Die Initiative ist auch die Chance für einen bewussten Konsum und das mögliche Wiederentdecken lokaler Produkte. Der faire Handel hat riesige Wachstumssprünge. Von 2012 bis 2016 gab es mit 1,3 Milliarden Euro eine Verdoppelung der Umsätze. Ähnliche Erfahrungen machen örtliche Produzenten, die regionale Produkte vermarkten.

Die Äpfel aus dem Odenwald oder Vogelsberg haben eine sehr hohe Qualität. Die Weine aus den hiesigen Anbauregionen sind so gut, dass wir keine Importe aus Übersee mehr brauchen. Wenn es Fleisch sein muss, dann qualitätvolles aus dem Umland und nicht mit langen Transportwegen aus allen Teilen der Welt. Wenn es uns gelingt, ein ganz neues lokales Bewusstsein zu entwickeln, verschwindet das Trennende zwischen Stadt und Land, weil die Stadt plötzlich erlebt, dass sie das Umland braucht.

Über Stadt-, Kreis- und Landesgrenzen hinweg, über kulturelle Ver- schiedenheiten und Traditionen erwachsen aus dem Ziel einer gerechten Globalisierung ganz neue Verbindungen – nicht nur zwischen der öffentlichen Hand, sondern auch im Zusammenspiel mit zivilgesellschaftlichen Gruppen.

Wie sagte Martin Luther King einmal:

„Noch bevor du diesen Morgen dein Frühstück beendet hast, bist du auf die halbe Welt angewiesen.“

Dieses Bewusstsein einer gegenseitigen Abhängigkeit will die Initiative schaffen – für eine nachhaltige Entwicklung der Region FrankfurtRheinMain. Und vielleicht gelingt es damit auch, ein Wir-Gefühl zu schaffen. ❙

Quelle: IHK WirtschaftsForum 07|08.18

LINK ZUM THEMA: Weitere Infos zum Thema Rhein.Main.Fair – auf dem Weg zur fairen Metropolregion online unter https://rheinmainfair.de.

FOTO: KATHI KRECHTING
 AUTORIN
BM Hofheim, Gisela Stang
 GISELA STANG
Bürgermeisterin, Hofheim | gstang@hofheim.de

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