Fußball, Rosen und Finanzprodukte

Rhein-Main will dritte Fairtrade-Metropolregion werden / 51 Städte und drei Kreise tragen das Siegel schon

mch. RHEIN-MAIN. Es geht längst um mehr als nur um Kaffee. Dass es den fair gehandelt gibt oder, andersherum betrachtet, der herkömmliche Handelsweg die Produzenten der Kaffeebohnen fast leer ausgehen lässt, ist seit Jahrzehnten bekannt. Das hat CSU-Entwicklungsminister Gerd Müller erst am Ostersonntag bekräftigt, als er forderte, die Steuer für fair gehandelten Kaffee auszusetzen. Damit nur noch der, den man ohne Kinderarbeit und Raubbau an der Natur produziere, gekauft werde. Derzeit macht, so Müller, der fair gehandelte Kaffee nur 15 Prozent des Verbrauchs in Deutschland aus.

Aber anders als in den siebziger Jahren, als auf Initiativen der Kirchen die damals ersten Dritte-Welt-Läden mit dem alternativ vertriebenen Kaffee im Angebot entstanden, gibt es mittlerweile mehr Produkte, die mit verschiedenen Siegeln als fair gehandelt zertifiziert werden und in Supermärkten und bei traditionellen Handelsketten zu kaufen sind: von Rosen über Schoko-Ostereier bis zum Fußball, der sonst nicht selten von Kinderhand zusammengenäht wird.

Dass es sinnvoll ist und dem Image nicht schadet, Initiativen dieser Art zu unterstützen, davon sind viele Städte und Kreise überzeugt. Sie bewerben sich seit Jahren darum, als Fairtrade-Städte anerkannt zu werden. Wie etwa die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt, die unter der Überschrift „Öko und fair – Shoppen in Mainz“ eine Broschüre aufgelegt hat, die Händler auflistet, die Produkte dieser Art anbieten. Aschaffenburg hat einen solchen Einkaufs-Ratgeber Ende 2014 aufgelegt. Darin wird der Eine-Welt-Laden aufgeführt, der einen fair gehandelten Fußball vertreibt. Zum Stolz von Bürgermeister Jürgen Herzing (SPD) hat er sogar die Lizenz, um bei Bundesliga-Spielen eingesetzt werden zu können.

531 Fairtrade-Städte soll es mittlerweile in Deutschland geben. Im Gebiet der länderübergreifenden Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main tragen 51 Städte, darunter die großen kreisfreien wie Frankfurt, Offenbach, Darmstadt, Wiesbaden, Aschaffenburg und Mainz, sowie drei Kreise das Siegel. Weitere Kommunen bemühen sich um die Anerkennung. Es heißt, die Kreise Main-Taunus und Offenbach überlegten mitzumachen.

Die große Zahl der engagierten Kommunen hat im Sommer 2015 dazu geführt, dass sich die Aktivisten erstmals regionalweit trafen. Seitdem ist das Ziel der Initiative „Rhein.Main.Fair“, die Region zur bundesweit dritten fairen Metropolregion zu machen. Das Ruhrgebiet trägt die Auszeichnung schon seit 2013, Nürnberg seit Februar 2017.

Um das Ziel zu erreichen, müssten zwei Drittel der Rhein-Main-Bewohner in einer Fairtrade-Kommune leben. Derzeit sind es erst rund 60 Prozent. Die SPD-Politikerin Gisela Stang, Hofheimer Bürgermeisterin und Sprecherin der Rhein-Main-Initiative, ist zuversichtlich, bald die 67 Prozent zu erreichen. Sie findet, dass es der Region gut zu Gesicht stünde, als „internationalste und am besten vernetzte Region in Deutschland“ bei diesem Thema vorn zu liegen. Angesichts der vielen Initiativen in den Städten und Kreisen sei der Austausch, das Voneinander-Lernen sinnvoll. Zumal sich die Rhein-Main-Region damit „einmal für etwas einsetzt und nicht immer nur gegen etwas“, sagt Stang (siehe Interview).

Bei einem der ersten Treffen der Rhein-Main-Initiative stand im Vordergrund, dass die Kommunen auch selbst Auftraggeber und Käufer von Waren sind. Das fange beim Kaffee für die Sitzungen im Rathaus an und höre noch lange nicht beim obligatorischen Blumenstrauß für den Jubilar auf, sagt Stang. Über welche Summen in den einzelnen Städten oder gar in der Region beim Thema Beschaffung die Rede ist, hat die Initiative „Rhein.Main.Fair“ noch nicht ermittelt.

Die Stadt Frankfurt, schon seit 2011 Fairtrade-Stadt, kann nicht benennen, wie hoch das Volumen der Aufträge ist, das sie jährlich vergibt und wo es sinnvoll sein könnte, auf fair, aber auch auf regional hergestellte Produkte umzusatteln. Grünen-Stadtrat Stefan Majer, dem seit Herbst vergangenen Jahres die neue „Koordinierungsstelle Fairtrade“ untersteht, hat gerade begonnen, zusammen mit Vertretern der Kämmerei Gespräche mit den einzelnen Ämtern zu führen. Als ersten Schritt hat Frankfurt auf Drängen Majers beschlossen, die Anlagestrategie für die zusätzliche Altersvorsorge der städtischen Mitarbeiter zu ändern und nachhaltig zu investieren. Es handelt sich Majer zufolge um einen Betrag von 70 Millionen Euro jährlich. Die Stadt erwerbe nur noch Finanzprodukte, deren Gelder nicht in Kinderarbeit und nicht in klimaschädliche Produktionen flössen. „Und die gibt es“, sagt Majer, „nicht nur als Nischenprodukte.“ Er ist überzeugt, dass sich die Region zum richtigen Zeitpunkt auf den Weg macht. Beim fairen Handeln „tut sich weltweit unglaublich viel“, so Majer, „da können dann bald andere Städte und Regionen von uns lernen.“


Im Gespräch: Gisela Stang (SPD), Bürgermeisterin von Hofheim und Sprecherin der Initiative „Rhein.Main.Fair“

„Bio, regional und fair – das sollten die Kriterien sein“

Das Rhein-Main-Gebiet will zur bundesweit dritten „fairen Metropolregion“ werden. Hofheims Bürgermeisterin Gisela Stang erklärt, warum Bürger und Kommunen ihre Einkaufsmacht nicht unterschätzen sollten.

Das Rhein-Main-Gebiet soll zur fairen Metropolregion werden. Warum?

Weil es die internationalste, am besten vernetzte und zentralste Region in der Bundesrepublik ist und wir bereits viele tolle Initiativen zum Thema faires, nachhaltiges Handeln von Städten und Kreisen haben. Wenn wir uns dieser Initiativen bewusst werden, sie miteinander verbinden, dann bringt das einen richtig guten Schub für die Region, die bisher von außen nur als bedeutender Finanzplatz, als Standort für den größten deutschen Flughafen wahrgenommen wird. Vor allem ist es eine wichtige gemeinsame Initiative der Region, die sich nicht gegen etwas richtet, sondern sich für etwas einsetzt.

Wenn man Fairtrade hört, denkt jeder an Kaffee, an Eine-Welt-Läden, also eine Nische für Gutmenschen.

Nun, wenn man in einen Eine-Welt-Laden geht, sieht man, dass es dort mittlerweile viel mehr gibt als den fair gehandelten Kaffee. Niemand behauptet, allein durch das Trinken von fairem Kaffee die Welt verändern zu können. Wir wollen einen Denkanstoß geben, wo man einkaufen, wie man konsumieren und wie man die eigene Einkaufsmacht in dieser globalisierten Welt nutzen kann.

Die Initiative zu „Rhein.Main.Fair“ ist also vor allem ein fröhlicher Aufruf an alle Konsumenten?

Wenn wir viele mit der Initiative erreichen, wäre dies ein riesiger Erfolg. Dazu kommen alle möglichen Beschaffungen der Städte und Kreise, vom Kaffee über Ökostrom bis zu Pflastersteinen. Die Kommunen sind eine Einkaufsmacht. Wenn eine Stadt sagt „Wir wollen keine Produkte mehr aus ausbeuterischer Kinderarbeit“, dann müssen die Stadtverordneten darüber diskutieren, wie die Arbeitsbedingungen in Indien sind und wo stattdessen der Pflasterstein herkommen soll. Vielleicht entscheiden sie sich dann für ein anderes Material, von dem sie wissen, dass sie damit sicher keine Kinderarbeit unterstützen. Wenn man beginnt, sich über Herkunft und Herstellungsbedingungen zu informieren, merkt man schnell, wie sehr wir Teil der globalisierten Welt sind. Der Markt bestimmt – und wenn viele sich anschließen, können Sozialstandards umgesetzt werden.

Widerspricht die Initiative, fair gehandelte Produkte zu bevorzugen, nicht dem Gedanken, vor allem für die Produkte aus der Region werben zu wollen?

Überhaupt nicht. Wir sagen immer, die Produkte sollen biologisch, nachhaltig angebaut sein, aus der Region stammen und fair gehandelt werden, also bio, regional und fair sein. Es macht keinen Sinn, wenn wir das eine gegen das andere ausspielen.
Es geht um den bewussten Konsum. Und noch eins: Mit Blick auf die Metropolregion Rhein-Main ist auch wichtig, daran zu denken, dass wir in dieser polyzentrischen Region zwar viele Großstädte haben, aber auch viel ländlichen Raum. Wir haben beides und brauchen beides. Wir brauchen ein neues Bewusstsein für die heimischen Produkte in der Region. Im ländlichen Raum gibt es vieles, das es wert ist, dass wir es wahrnehmen und kaufen.

Der Regionalverband Frankfurt/Rhein- Main hat kürzlich beschlossen, Ihre Initiative zu unterstützen. Was bringt das?

BM Hofheim, Gisela Stang

Diese Entscheidung ist eine Wertschätzung für die Initiative, ein Netzwerk der Fairtrade-Städte und -Kreise aufzubauen. Vor gut zwei Jahren haben wir diesen Prozess gestartet. Es gibt in der gesamten Metropolregion, also auch mit den Kommunen in den angrenzenden Bundesländern, insgesamt 65 Fair-Trade-Kommunen, die es schon sind oder im Anerkennungsprozess stecken, darunter die Großstädte Frankfurt, Darmstadt, Offenbach, Mainz und Wiesbaden sowie drei Kreise, nämlich Groß-Gerau, Rheingau-Taunus und Miltenberg. Wir sind optimistisch, im Laufe des Jahres 2018 die bundesweit dritte faire Metropolregion nach dem Ruhrgebiet und Nürnberg zu werden.

Wann kann Rhein-Main offiziell eine faire Metropolregion sein?

Die Vorgabe lautet, dass zwei Drittel der Einwohner der Metropolregion in einer anerkannten Fairtrade-Kommune – also Stadt oder Kreis – leben müssen. Derzeit leben in Rhein-Main 60 Prozent in einer solchen Kommune. Es fehlt also nur noch ein kleiner Sprung zu den erforderlichen 67 Prozent.

Und dann?

Schon in den nächsten Monaten wollen wir, die Städte und Kreise aus drei Bundesländern, also Hessen, Rheinland- Pfalz und Bayern, einen Verein gründen.

Warum einen Verein?

Wir wollen nicht in das Konzert der GmbHs und Co KGs aufgenommen werden, die ja die Region so gerne gründet, wo häufig schon der Mitgliedsbeitrag Hürden schafft. Wir wollen, dass sich alle einbringen können, ob Kirche, Privatperson, Gewerkschaft oder Kommune. Das ist das Neue an dieser Initiative, dass wir alles miteinander verbinden und so viele wie möglich mitnehmen wollen.

Kritiker monieren, durch die Initiativen werde das Fairtrade-Siegel in den Mittelpunkt gerückt, das aber gar nicht immer für faire Handelsbeziehungen stehe.

Transfair ist nur ein Siegel unter anderen, und es gibt da auch Schwierigkeiten und Diskussionen, wie fair Transfair ist. Das ist so. Ich lasse nur das Argument nicht gelten, weil manches nicht fair genug gehandelt wird, machen wir lieber gar nichts. Das Argument ist für mich nicht stichhaltig. Nichts zu machen, das geht gar nicht.

Die Fragen stellte Mechthild Harting.


Quelle: FAZ-online - FAZ-RMZ-03.04.2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.